
Daniel Gisiger formt Japans Radsport
Die Offene Rennbahn Oerlikon erlebt einen besonderen Dienstagabend: Spitzenfahrer aus Japan fegen wie ein Taifun über das Zementoval. Olympioniken, Weltmeister und WM-Medaillengewinner zeigen, dass das Land der aufgehenden Sonne längst zu den Grossmächten des Bahnradsports gehört. Der Mann hinter dieser Entwicklung ist ein Schweizer: Daniel Gisiger (71).
Die Abendsonne tauch die Rennbahn in ein mystisches Licht, die Zuschauer sitzen dicht an dicht auf der Tribüne, die Räder surren über den rauen Beton. Eigentlich ist es ein gewöhnliches Dienstagmeeting in Oerlikon. Doch dieser Abend ist anders. Denn die japanischen Gäste bringen Weltklasse mit.
Hochklassige Gäste
„Das sind unsere guten Rennfahrer“, sagt Daniel Gisiger mit sichtbarem Stolz. Der ehemalige internationale Spitzenfahrer aus der Schweiz und heutige Nationaltrainer Japans hat eine Equipe nach Zürich gebracht, die es in sich hat: Mehrere Fahrer waren bei den Olympischen Spielen in Paris dabei. Kazushige Kuboki ist Weltmeister im Scratch und zählt seit Jahren zur Elite. Shunsuke Imamura holte WM-Bronze im Omnium, Naoki Kojima ist mehrfacher Asienmeister in diversen Bahn-Disziplinen. Sie sind aus dem Trainingslager in Leysin angereist, damit sie «diesen besonderen Ort erleben und die Atmosphäre spüren», sagt Gisiger, der in der Vorbereitung der Starts an allen Fronten gefordert ist und sogar beim Reifenpumpen mithilft.
Verspätete Anreise
Wegen Stau auf der A1 trafen sie erst kurz vor Rennstart ein. Dies hielt sie aber nicht davon ab, ihre Klasse eindrücklich zu demonstrieren. Gleich drei Tagessiege gingen an japanische Fahrer. Am Rande der Wettkämpfe erzählt Daniel Gisiger vom spannenden Projekt – und seiner Verbindung zur Offenen Rennbahn: „Ich bin vor allem dankbar, dass es diese Rennbahn noch gibt. Seit ich das erste Mal hierher kam, wurde immer wieder über einen Abbruch gesprochen”. Aber Leute wie Alois (Wisel Iten/die Red.) haben dafür gekämpft, dass die Bahn erhalten bleibt. Die Rennen am Dienstag seien etwas Besonderes, so Gisiger: “Es gibt Stimmung, Zuschauer und echte Leidenschaft.“

Mehr als nur Rennsport
Für den gebürtigen Franzosen ist Oerlikon ein Symbol für die Faszination des Bahnradsports. „Bei einer Tour de France sieht man die Fahrer vielleicht zwei Minuten vorbeifahren. Auf der Bahn kann man die Taktik, die Attacken und die Härte direkt erleben. Weltmeisterschaften und Olympische Spiele zeigen heute, wie attraktiv dieser Sport ist.“
Einzigartige Keirin-Kultur
Japan hat dabei eine einzigartige Grundlage: die Keirin-Kultur. Seit über 50 Jahren bildet die Keirin-Schule in Izu, dem Olympiastandort von Tokio 2021, jedes Jahr rund 100 Fahrerinnen und Fahrer aus. Die Ausbildung ist streng, fast militärisch. Kein Handy während der Woche, klare Regeln, maximale Disziplin.
„Es gibt nirgendwo auf der Welt eine Nation, die jedes Jahr so viele Rennfahrer ausbildet“, sagt Gisiger.
Dass ausgerechnet ein Schweizer diese Entwicklung mitprägt, ist eine ungewöhnliche Geschichte. Nach den Olympischen Spielen in Tokio wollte Gisiger eigentlich in Pension gehen. Doch der frühere französische Nationaltrainer Benoît Vétu rief ihn an und überzeugte ihn, nach Japan zu kommen.
Echter Sportgeist und Respekt
„Ich dachte zuerst: Was habe ich da wieder angefangen? Aber ich habe schnell gemerkt: Diese Fahrer verkörpern echten Sportgeist und grossen Respekt, sie suchen die Fehler zuerst bei sich selbst. Diese Einstellung hat mich beeindruckt.“
Eigentlich sollte Gisiger nur helfen, die japanische Verfolgungs-Mannschaft für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Doch nach Paris blieb er, weil kein Nachfolger gefunden wurde. Heute kümmert er sich vor allem um die Weiterentwicklung der Strukturen – und um die Verbindung zwischen Bahn und Strasse.
Sein Lebensmittelpunkt ist Izu, wo sich das Zentrum des japanischen Bahnsports befindet. Dort arbeitet er mit einer neuen Generation japanischer Fahrer. Und er erlebt etwas, das ihn besonders freut: Anerkennung.
Bekannter in Japan als in der Schweiz
„Ich habe 1981 den Grand Prix des Nations gewonnen. Das war der erste grosse Sieg für Shimano. Deshalb hat die Firma mit mir Plakate gedruckt. In Japan kommen noch heute viele junge Fahrerinnen und Fahrer zu mir und wollen ein Autogramm.“
Eine schöne Pointe einer aussergewöhnlichen Karriere: Daniel Gisiger ist im Land der aufgehenden Sonne vielleicht bekannter als in seiner Heimat..

Programm. Dienstag, 14. Juli 2026
18.50 Uhr: Scratch (U15/U17/Frauen U19)
19.00 Uhr: Derny, 1. Lauf (Elite/U23)
19.25 Uhr: Australien (Elite/U23/U19)
19.35 Uhr: Punktefahren (U15/U17/Frauen U19)
19.50 Uhr Tempofahren (Elite/U23/U19)
20.05 Uhr: Pause
20.25 Uhr: Ausscheidung (Elite/U23/U19)
20.35 Uhr: Derny, 2. Lauf (Elite/U23)
21.00 Uhr: Scratch (U17/U19/Frauen U23)
21.10 Uhr: Punktefahren (Elite/U23)
21.55 Uhr: Rennschluss
Öffentlichkeitsarbeit: Thomas Renngli | IGOR