Vorhang auf für die Offene Rennbahn
Die Offene Rennbahn steigt am Dienstag, 12. Mai in ihre 115. Saison. Weshalb man diesen Termin auf keinen Fall verpassen sollte.

Bratwurstduft liegt in der Luft, irgendwo scheppert der Sechseläutenmarsch, und auf der Holztribüne zieht einer genüsslich an seinem Stumpen. Dienstagabend in Zürich – und während die Stadt sich geschniegelt ins Afterwork-Geschehen stürzt, beginnt auf der Offene Rennbahn Oerlikon ein Ritual, das sich dem Zeitgeist hartnäckig widersetzt.
Hier draussen, auf der Hinterseite der Stadt, ist die Welt noch in Ordnung. Auf dem Grill liegen die Bratwürste, in der Gartenbeiz diskutieren Heiri und Max über die Qualität des Abends, und auf der Tribüne ruft einer, der schon alles gesehen hat: «Jetzt gäbä mär äm nomal einä.»
Es ist diese Mischung aus Patina und pulsierendem Leben, aus Nostalgie, urbaner Romantik und Sport, die die Rennbahn trägt. Bald 114 Jahre alt ist das Oval, das als ältestes Sportstadion der Schweiz gilt. Ein Relikt? Vielleicht. Vor allem aber ein lebendiges Stück Stadtgeschichte. Eines, das oft totgesagt wurde – und sich doch immer wieder aufrappelt, wie ein Fahrer nach einem Sturz.

Ein grosser Teil dieser Renaissance trägt die Handschrift der IG Offene Rennbahn. Seit 2003 halten Präsident Wisel Iten und seine Mitstreiter den Betrieb am Leben – mit Herzblut, Improvisationstalent und einem Gespür für das, was diesen Ort ausmacht. 28 Freiwillige sorgen dafür, dass alles funktioniert: Sie kassieren Eintritt (von 10 Franken!), leeren Abfalleimer, flicken kleine Risse im grossen Ganzen. Neben dem Eingang wacht der Grabstein von Hugo Koblet – und seit diesem Jahr wieder eine Eisenplastik von Giorgio Lorenzi, die schon an der Bahn-WM 1983 hier zu sehen gewesen war. Und im Rennfahrerstübli steht ein Holzbuffet von 1911 – ausgegraben unter einer Kurve, restauriert, zurückgeholt ins Licht. So wie die alte Rennbahn.
Die Zahlen erzählen die Erfolgsgeschichte nüchtern: Wo sich zwischenzeitlich noch ein paar Hundert Zuschauer verloren, strömen heute rund 1000 Menschen an jedem Dienstag ins Oval. Wenn im Sommer historische Motoren knattern und der Indianapolis-Event ruft, wird die Rennbahn zur Pilgerstätte. Bis zu 5000 Zuschauer säumen dann die Bahn, als hätte die Zeit kurz Pause gedrückt.
Doch die eigentliche Magie liegt in den leisen Momenten. Wenn das Licht weicher wird, das Publikum näher zusammenrückt und die Fahrer ihre Runden drehen, als ginge es um mehr als nur Sieg oder Niederlage. Vielleicht um das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das geblieben ist.
Am kommenden Dienstag beginnt die neue Saison. Bis Ende September an jedem Dienstag, immer dann, wenn das Wetter mitspielt, gehört der Abend wieder dem Radsport. Mit Fahrern wie Silvan Dillier oder Fabian Lienhard, die den Spagat schaffen zwischen Weltklasse und Bodenständigkeit – und damit perfekt hierher passen.
Die Offene Rennbahn Oerlikon ist kein Ort für Gehetzte – auch wenn das sportliche Tempo sehr hoch ist. Sie ist ein Versprechen: dass Sport mehr sein kann als Resultate. Dass Geschichten bleiben, wenn man ihnen Raum gibt. Und dass ein Dienstagabend manchmal genügt, um sich ein kleines Stück Ewigkeit zu sichern.

Rennprogramm Dienstag, 12. Mai 2026
17.30 Uhr: Feierliche Einweihung Eisenplastik “Im Ziel”.
18.45 Uhr: Scratch (U13/U15)
18.55 Uhr: Scratch (U19/U23/Elite)
19.05 Uhr: Ausscheidung (U15/U17/Frauen U23)
19.20 Uhr: Steher, 1. Lauf
19.45 Uhr: Handicap (U13/U15)
19.55 Uhr: Scratch (U19/U23/Elite)
20.05 Uhr: Pause
20.25 Uhr: Ausscheidungsfahren (U19/U23/Elite)
20.35 Uhr: Scratch (U17/U19/Frauen)
20.45 Uhr: Tempofahren (U19/U23/Elite)
20.44 Uhr: Punktefahren (U23/Elite)
21.15 Uhr: Schrittmacher Verabschiedung
21.25 Uhr: Steher, 2. Lauf
21.55 Uhr: Rennschluss
Öffentlichkeitsarbeit: Thomas Renngli | IGOR